FACT-ForschungsDialog zum Thema „Intervention process of the Central Bank
of the Republic of Türkiye and its economic and financial impacts on local and
global basis”

In einem weiteren FACT
ForschungsDialog widmete sich Prof.
Dr. Meltem Ulusan Polat von der
Marmara Universität Istanbul unter
dem Titel „Intervention process of the
Central Bank of the Republic of
Türkiye and its economic and financial
impacts on local and global basis” den
jüngsten Herausforderungen für die
türkische Zentralbank.
Prof. ULUSAN POLAT stellte eingangs
die Aufgaben der türkischen
Zentralbank vor. Betont wurde dabei,
dass die Kernaufgabe der Bank die
Gewährleistung der
Preisstabilisierung ist, wofür ihr geld-
und devisenpolitische Instrumente zur Verfügung stehen. Die Nebenaufgabe ist die Stabilisierung des
Finanzsystems der Türkei. Zusätzlich legt sie zusammen mit der Regierung der Wechselkursregime
fest und setzt dieses um, verfügt über das Privileg zu Ausgabe von Banknoten und ist verantwortlich
für die Bereitstellung leistungsfähiger Systeme zur Abwicklung von Zahlungs- und
Wertpapiertransaktionen.
Aber was genau bedeutet Preisstabilierung? Das Ziel der türkischen Notenbank besteht darin, eine
Inflationsrate zu erreichen, die niedrig und stabil genug ist, um die Entscheidungsprozesse der
Wirtschaftsakteure nicht zu beeinflussen. Die Kaufkraft der türkischen Lira und damit ihre
Glaubwürdigkeit als Währungseinheit soll dadurch erhalten bleiben. Um die Inflationsziele zu
erreichen, steuert die Zentralbank die Gesamtnachfrage und die Inflationserwartungen mit Hilfe der
Leitzinsen und anderer geldpolitischer Instrumente. Der wichtigste von der Zentralbank festgelegte
Leitzins ist der einwöchige Reposatz. Allerdings hat die Zentralbank in das bestehende System ein
asymmetrisches und weites Korridorsystem eingeführt, in dem mehr als ein Zinssatz als Instrument
verwendet wird, sowie einen flexiblen Rahmen, der auf einer aktiven Liquiditätspolitik beruht.
Instrumente zur Sicherung der Finanzmarktstabilität umfassen Notenbankreserven und den Reserve
Options Mechanism der Bank
Aufbauend auf dieser Grundlage befasste sich Prof. Ulusan Polat intensiv mit den aktuellen
Entwicklungen im Finanzmarkt der Türkei. Nach dem Höhepunkt der Inflation im Mai 2024 (75,5%) ist
der Preisanstieg stark (und stärker als erwartet) zurückgegangen; er betrug im April 2025 nur noch
37,9 %. Hierfür war primär die rückläufige Inlandsnachfrage verantwortlich. Die Projektion der
Notenbank ging davon aus, dass die Inflation im Gesamtjahr 2025 auf 25 % fällt und in den Jahren
2026 und 2027 noch 12 % bzw. 8 % beträgt. Sorgen bereits indes aktuell die unterdurchschnittliche
Kapazitätsauslastung und der schwache Auftragseingang im Exportgeschäft. Zwar ist die
Arbeitslosenquote gesunken, aber Quote der Unterbeschäftigten und die Anzahl der Bewerbungen
pro Stelle gestiegen. Hauptursache für den Rückgang der Inflation sind die stark rückläufigen
Preisanstiege für Dienstleistungen (Transport, Bildung), Basisgüter sowie für Lebensmittel. Zuletzt
sanken auch die Energiepreise und die Rohstoffpreise deutlich. Höchst interessant sind die
unterschiedlichen Erwartungen für die Inflationsentwicklung. Während Finanzmarktteilnehmer mit
der Prognose der Notenbank übereinstimmen, liegen die Einschätzungen der Realwirtschaft und erst
recht der privaten Haushalte aktuell deutlich darüber.
Die jüngsten politischen Herausforderungen in der Türkei sowie Zollpolitik der neuen US-Regierung
waren für die türkische Zentralbank Anlass, zur Sicherung der finanziellen Stabilität
Sofortmaßnahmen zu ergreifen. Auf einer außerplanmäßigen Sitzung im März wurde beschlossen,
den Übernachtzinssatz von 44% auf 46% zu erhöhen und die Ein-Wochen-Repos auszusetzen. In der
regulären Sitzung im April wurde zudem der Korridor für die Übernachtgeschäfte von 41-46 % auf
44,5-49% hinaufzusetzen. Durch weitere Maßnahmen im Bereich der Liquiditätsbereitstellung sowie
der Devisengeschäfte wurde versucht, die hohe Nachfrage nach Liquidität und nach Fremdwährung
zu steuern. Dadurch gelang es unter anderem, die stark gestiegene Nachfrage der privaten Haushalte
nach Devisen wieder abzusenken. Zuletzt warf Prof. Ulusan Polat noch einen Blick auf die
Entwicklung der Notenbankreserven in Fremdwährungen, in Gold und anderen Formen wie z.B. IMF
Sonderziehungsrechten. Die Höhe derartiger Reserven ist für Schwellenländer besonders wichtig, da
mit ihnen die nachteiligen Auswirkungen wahrscheinlicher in- und ausländischer Schocks abgefedert
werden kann, die regelmäßige Erfüllung der Verpflichtungen zur Bedienung der Auslandsschulden
gesichert wird und allgemein die Glaubwürdigkeit des Landes im internationalen Finanzumfeld
gefördert wird. Die Währungsreserven sind im März 2025 stark zurückgegangen, wovon besonders
die Devisenreserven betroffen waren. Seitdem hat sich die Lage wieder verbessert, obwohl die
Devisenreserven niedriger als früher sind. Die Währungsreserven sind (anderes als in den Jahren
2020 bis 2024) trotz des zwischenzeitlichen Einbruchs im April 2025 höher als die
Fremdwährungsverbindlichkeiten. Auch haben die jüngsten Maßnahmen der Notenbank dazu
geführt, dass die Beurteilung des Kreditrisikos der Türkei gemessen durch die CDS-Spreads verbessert
und die Volatilität der Türkischen Lira gesunken ist. Gleichzeitig sind indes die Zinssätze für Einlagen
und Kredite wieder angestiegen und liegen jetzt zwischen 60 und 70%. Sorgen bereiten der Türkei
wie auch anderen Schwellenländern die erheblichen Kapitalabzüge als Folge der Unsicherheiten im
Welthandel.
Zusammenfassend stellte Prof. Ulusan Polat heraus, dass seit dem 19. März 2025 die Volatilität der
Türkischen Lira, die durch die politischen Spannungen ausgelöst wurde, mit den Zollerklärungen der
neuen US-Regierung eskaliert ist. Sowohl für inländische als auch für ausländische Anleger hat ein
beunruhigender Prozess begonnen, der zu hohen Kapitalabflüssen ins Ausland geführt hat, was
angesichts der hohen Fremdwährungsschulden des Landes besorgniserregend ist. Die schnellen
Maßnahmen der Türkischen Zentralbank konnten in den letzten Wochen die Situation stabilisieren.
„Die Geldpolitik allein reicht jedoch möglicherweise nicht aus; umfassendere systemische Reformen
sind unerlässlich, insbesondere für ausländische Investoren“, so das Schlussstatement von Prof.
Ulusan Polat.
Der Nachmittag endete mit einer intensiven Diskussion unter der Moderation von Prof. Dr. Claudia
Ossola-Haring, in der u.a. die Frage gestellt wurde, wie die Bevölkerung mit der dauerhaft hohen
Inflation zurechtkommt.